Eine Kurzgeschichte – Der lange Weg nach Sacramento – Teil 2


Der lange Weg nach Sacramento – Teil 2:

Pedro blickt in die Runde. Die runden Holztische waren durchwegs besetzt. Auch die Drinks und die Trinkgewohnheiten scheinen sich schwer geändert zu haben. Letztes Jahr gab im alten Saloon lediglich Whiskey pur im Glas, Whiskey mit Eis im Glas oder Whiskey aus der Pulle. Nun hielten die Cowboys und erst recht die weiblichen Gäste Gläser in der Hand, die zu gross für Whiskey- und zu klein für Biergläser waren. Auch der Inhalt sah ganz anders aus – mit bunten Flüssigkeiten gefüllt und teils mit exotischen Früchten bestückt. Ausserdem wurde nicht vom Glas selbst, sondern aus Naturstrohhalmen getrunken. Als der Barkeeper die beiden Cervezas brachte, beugte sich Pedro hinüber zu dessen Ohr und fragte, wie denn die bunten Getränke heissen würden. Der Barkeeper deutete nur zu einem der an der Wand befestigten Spiegel. Pedro las die mit roten Lettern geschriebenen Worte und runzelte erneut die Stirn, drehte sich um und sah sich den Schuppen mal genauer an. Auf der Gegenseite zur Bar befindet sich eine Bühne. Deren schwere rote Vorhänge sind geschlossen. Von der Decke hängen Wagenräder, deren Petroleumlampen ein nur schwaches Licht auf das verrauchte Ambiente werfen. Links von der Bühne gibt sich ein Klavierspieler Mühe die Musik durch den hohen Geräuschpegel zu bringen. Immer wieder wird das Geklimper von Gelächter übertönt. Rechts von der Bühne windet sich eine Holztreppe auf die Galerie. Eine blonde, langhaarige Frau mit einem weinroten Kleid unterhält sich dort oben mit einem geschniegelten Schnauzbartträger. Er trägt einen dunklen Zweireiher mit güldenen Knöpfen – nimmt aber zum Reden nicht mal die Zigarre aus dem Mund. Zweifelsohne der neue Chef des Saloons. Pedro rempelt Miguel an und deutet kopfschüttelnd hinauf. Miguel nimmt einen der Cerveza-Krüge und in einem Ritual (Anstossen in der Reihenfolge links-rechts-links) prosten sich die Brüder zu und leeren die Krüge in einem Zug.

Krachend stellen Miguel und Pedro die leeren Glaskrüge auf die Theke. Der Ober schaut nur kurz auf und schenkt zwei weitere ein. Pedro greift in die Brusttasche der Lederjacke und befördert zwei Cubanas heraus. Eine hält er Miguel stumm hin, die andere beisst er am Ende ab und spuckt dieses neben sich auf den Boden. Gerade vor die Füsse eines Trappers. Als Pedro langsam seinen Blick erhebt, sieht er in das von der Wildnis gegerbte Gesicht. Die Biberfellmütze hat der etwa 38-jährige Mann weit über die Augen gezogen. Als der Fremde die Mütze abnimmt, erkennt Pedro das Grinsen eines guten Freundes. Es ist Cristiano, dessen Eltern  schon vor dem Gorrión-Clan in New Mexico aus Spanien ankamen. Sein Nachname setzt sich aus dem der Mutter „Alto“ und des Vaters „El Esperar“ zusammen – Er selbst nennt sich daher „Cristiano El Altoesperar“. Er hält sich schon seit seiner Kindheit im Winter in den Urwäldern rund um Castillo de la Lluvia auf und schlägt sich als Fallensteller durch. Die Brüder de Gorrión und Cristiano hatte sich seit dem extrem kalten Winter im letzten Jahr nicht mehr gesehen. Daher fiel erst nach der ausgiebigen Begrüssung der Blick auf den Begleiter von El Altoesperar. Ein schlanker aber kräftiger Mann stand neben Cristiano und trug über die Schultern jeweils ein dickes Paket mit Biberfellen. Seine Hose und seine Jacke bestand aus bestem Braunbärenfell und er schwitzte merklich unter dieser Bekleidung. Cristiano stellte seinen Freund als Beato del Llevadosuiza vor. Dieser warf nach einem kurzen Handschlag beide Biberfellpakete auf den Boden und bemühte sich schnell aus der Bärenfelljacke zu kommen. Er lehnte sich anschliessend über die Theke und bestellte zwei weitere Cervezas.

In diesem Moment ertönte ein Tusch. Der schwere rote Vorhang wurde ruckartig nach oben gezogen und die Bühnenpetroleumlampen wurden heller gedreht. Schlagartig verstummte das allgemeine Gebrabbel im Saloon. Mitten auf der erhöhten Bühne sass in einem roten Lehnstuhl eine junge Dame. Die netzbestrumpften schlanken Beine überkreuzt, in einem knappen schwarzen weit ausgeschnittenen Kleid, mit einer rosa Federboa um den schlanken weissen Hals geschlagen und hoch toupierten dunklen Haaren auf deren Spitze ein Silberkrönchen mit perlenbesetzten Haarnadeln fast unsichtbar befestigt war. Mit spitzen Fingern hielt sie eine rauchende lange Zigarette und führte diese lasziv zu ihren roten Lippen. Dabei blickte sie mit ihren mit künstlichen schwarzen Wimpern bewerten Augen langsam in das Publikum. Kurz: Ein Bild von einer Frau. Es war mucksmäuschenstill. Nur ein Mann in der rechten Ecke war zu früh eingeschlafen und lehnte auf einen Arm gestützt leise schnarchend über ein halb geleertes Whiskeyglas. Miguel hatte sein Bierglas zum Trinken angesetzt, stand nun aber mit weit geöffneten Augen und halb offenem Mund wie festgenagelt da. Pedro hob die Hand und klappte Miguel`s Mund zu. Pedro grinste Miguel an, doch dieser machte nur eine kurze abwertende Handbewegung und starrte wieder wie gebannt auf die Bühne. Cristiano grinste wie gewohnt über beide Backen – wären da nicht die Ohren im Wege, wäre der Kopf nach hinten weggeklappt.

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