Eine Kurzgeschichte – Der lange Weg nach Sacramento – Teil 4


Der lange Weg nach Sacramento – Teil 4:

Pedro kannte Enrico de La Espuma-Agita, kurz Rico genannt, sehr gut. Als die Ranch de Gorrión noch von den Eltern von Pedro und Miguel bewirtschaftet wurde, arbeitete Rico auf dem angrenzenden Gut der Escobars. Die Escobars hatten eine Pferdezucht und Rico war für das Zureiten der Zuchtpferde zuständig. Falls die Zeit es zuliess waren Pedro, Miguel, Cristiano und Rico aber auch in der Pampa und in den Bergen unterwegs und fingen Wildpferde ein. Diese versuchten sie dann gemeinsam zu zähmen. Rico besass ein Händchen für Pferde und hatte schon damals die besten Erfolge beim Zureiten. Allerdings verschwand er dann plötzlich von heute auf morgen. Angeblich hatte er den Job zu wörtlich genommen; denn Papa Escobar hatte ihn inflagranti mit dem 16jährigen Töchterchen Margarita Escobar in der Scheune erwischt. Seit dieser Zeit war Enrico de La Espuma-Agita spurlos verschwunden – mindestens 15 Jahre lang. Pedro klopfte Cristiano auf die Schulter, welcher sich im Rhythmus der Musik mit dem Glas in der Hand bewegte. Dann erzählten Miguel und Pedro auch Cristiano, dass der Tänzer rechts auf der Bühne eine nicht zu leugnende Ähnlichkeit mit Rico hätte. Cristiano drehte sich blitzschnell um, stellte sich auf die Zehenspitzen, warf einen kurzen Blick Richtung Bühne, drehte sich wieder zu Miguel und Pedro und nickte heftig. Es musste somit Rico sein. Das war Pedro eine Runde Whiskey wert. Er winkte dem Barkeeper. Dieser wollte vier Gläser einschenken. Pedro winkte erneut und deutete auf eine Flasche im Regal unter dem Spiegel.

Der Barkeeper stellte die Whiskey-Flasche, vier Gläser und eine Portion Eisstücke auf die Theke. Beato schaute verwirrt zuerst die Flasche und dann die drei Freunde an. „Schon wieder feiern bis der Totengräber kommt?“ Stand in seinem Gesicht. „Was heisst schon wieder?“ Die letzte gemeinsame Flasche Whiskey war fast genau ein Jahr her. Miguel hatte sich damals die Schulter böse geprellt, als er beim nach Hause Ritt vom Pferd fiel. Und das auch nur, weil er verkehrt herum aufgestiegen war und verzweifelt das Halfter gesucht hatte. Er beugte sich zu weit vorn/hinten über den Schweif und schon war es geschehen. Auch Beato wurde schliesslich über den Fall Rico informiert, Pedro füllte die Gläser und die vier stiessen auf den Abend an. Der erste Whiskey brennt am meisten, besonders wenn es sich um schwarz Gebrannten handelt. Cristiano stellte das Glas ab und nahm einen tiefen Zug aus der Kubanischen Zigarre. Er lehnte sich an die Theke und schnitt dann ein besonders brisantes Thema an. „Weiss Rico, dass sein Scheunen-Reiten mit Margarita nicht ohne Folgen geblieben ist und er Papa Escobar zum Opa gemacht hat? Und die beiden Brüder Escobar lange nach Rico geforscht hatten?“ Die vier Amigos schauten zuerst zum immer noch tanzenden Rico und dann sich gegenseitig an – gemeinsames Kopfschütteln. Margarita Escobar ist heute 31 und lebt mit ihre 14jährigen Tochter Francesca immer noch auf der Ranch der Escobar`s. Der Gag an der Sache: In der zum Gästehaus umgebauten Scheune.

Der Vorhang schloss sich und übertosender Applaus erfüllte den Saloon. Die Flamenco-Truppe legte eine Pause ein. Der Klavierspieler war an der Reihe und er haute in die Tasten. Miguel beobachtete aus den Augenwinkeln wie Enrico den Arm um seine brünette Flamenco-Partnerin legte und die beiden dann von der Bühne her quer durch die Menschenmenge plaudernd und lachend zur Theke kamen. Als die beiden an den vier Amigos vorbei gingen, drehten sich die Vier um und riefen „Olá Rico!“ Rico stand kurz wie angenagelt da, dann lachte er und man begrüsste sich per Handschlag. Rico stellte die brünette Tanzpartnerin vor. Ihr Name war Amelie. Pedro besorgte noch zwei Gläser und schenkte Whiskey nach. Rico erzählte, dass er sich nach seinem Verschwinden nach Spanien – nahe Barcelona – abgesetzt hatte. Die Karte für die Überfahrt nach Europa verdiente er sich angeblich als Tellerwäscher und Zeitungsjunge. In Barcelona verdingte er sich dann für 4 Jahre auf einem Gestüt als Pferdepfleger, bis es zum Zerwürfnis mit dem Besitzer kam. Dann nahm er seine Ersparnisse und reiste zurück nach Colorado. Amelie lernte er erst vor wenigen Wochen in San Francisco kennen. Als ein Flamenco-Tänzer kurz vor Beginn der Tournee sich ein Bein brach, hätte Amelie dann Rico überredet einzuspringen. Nun tingelte er zusammen mit der Flamenco-Truppe durch das Land, was ihm Spass machte, weil man immer neue Leute kennen lernen würde. Dabei nahm er Amelie in den Arm und sah ihr tief in die Augen. Und alte Freunde treffen würde! Und Rico prostete den vier Amigos zu. Miguel erzählte, dass er nun die Ranch führen würde und was so noch in den letzten Jahren passiert war. Amelie wandte sich zu Pedro und fragte, woher er und seine Freunde Rico kennen würden. Amelie merkte man einen französischen Dialekt an und sie sah von der Nähe noch besser aus, aber „der helle Schein“ war verschwunden. Pedro sah in ihre blauen Augen, nahm einen tiefen Zug aus der Zigarre und bliess den Rauch über die Nase langsam aus. Dann machte er eine raumgreifende Bewegung mit dem Arm und brachte nur ein „Rico kennen wir schon sehr lang“ heraus. Amelie erzählte Pedro, dass sie aus Paris kommen würde und klassisches Ballet gelernt hätte. Cristiano rempelte Pedro an und beide warfen sich einen viel sagenden Blick zu. Rico bot Amelie den Arm an und bedeutete den anderen, dass die Flamencoparty gleich weiter gehen würde. Beide gingen zurück zur Bühne und verschwanden hinter dem Vorhang.

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