Eine Kurzgeschichte – Der lange Weg nach Sacramento – Teil 6

9. Januar 2006

Der lange Weg nach Sacramento – Teil 6:

Franco machte einen Satz vorwärts, packte Rico mit beiden Händen am Sakko und schob ihn vor sich her. Rico riss die Augen auf und ruderte mit den Armen. Amelie hatte Rico`s Hand los gelassen und stand wie angewurzelt da. Antonio hatte Franco und Rico erreicht und versuchte die beiden zu trennen. Franco holte mit der Rechten aus und verpasste Rico einen heftigen Schlag in die Magengegend. Rico sackte zusammen und blieb schmerzgekrümmt liegen. Franco bekam Ricos Sakko zu fassen und zerrte ihn von der Wand an der Bühne vorbei. Rico bekam strauchelnd einen Stuhl zu fassen und schlug diesen Franco über den Rücken. Krachend zerbrach dieser und Franco ging zu Boden. Nun rannte Antonio auf Rico zu, fasste ihn mit beiden Armen und warf ihn auf einen der Tische. Im Flug prallte Rico zuerst gegen einen der männlichen Gäste, beförderte diesen auf das Parkett und landete unsanft auf besagtem Tische. Dieser kippte und ein darauf stehendes Pärchen fiel nach hinten herunter. Nun beteiligten sich einige Umstehende an der Keilerei. Stühle flogen, Gläser flogen und Fäuste flogen. Mittendrin Franco und Antonio Rücken an Rücken. Miguel liess Margarita stehen und stürzte den Escobars zu Hilfe. Ein Stuhl flog an Beato, Cristiano und Pedro vorbei über die Theke und landete im Wandspiegel. Pedro prostete Chris zu. Dann tranken die drei die Whiskeygläser auf einen Zug leer, sprangen von der Theke und folgten Miguel in die mittlerweile vorherrschende Saalschlägerei.

Miguel hob einen Stuhl, der noch heil geblieben war, vom Boden auf und setzte sich zu den an einem noch intakten Tisch sitzenden Brüder Escobar neben Margarita. Der Saloon war fast menschenleer. Es war ruhig. Keine Musik mehr. Kein Wunder; denn der letzte Mexikaner lehnte bewusstlos vor der Bühne und hatte seine Gitarre wie einen Bilderrahmen um. Es sah aus wie auf einem Schlachtfeld. Zerbrochene Tische und Stühle lagen herum, teile der Dekoration hingen zerrissen von der Decke und den Wänden. Nur der Mann am Tisch in der rechten Ecke schlief immer noch den Schlaf des Gerechten und schnarchte leise vor sich hin. Cristiano stand, sich die Schulter massierend, an die Theke gelehnt neben Beato. Dieser hatte den rechten Fuss auf seine beiden Biberfellpakete gestellt. Pedro suchte hinter der Bar nach zwei noch unversehrten Whiskeyflasche – genug saubere Gläser hatte er schon gefunden. Pedro klemmte sich die beiden Flaschen unter den Arm, in den Händen die aufeinander gestapelten Gläser und stieg über den liegenden Barkeeper. Als er die Bartür mit dem Fuss aufschwingen liess, sah er Amelie in der Ecke sitzen. Sie hatte das Gesicht in die Handflächen vergraben. Pedro stellte eine Flasche auf die Theke zurück und ging zu ihr hinüber.

Amelie erschrak und sah ihn an. Pedro setzte sich neben sie. Amelie hatte die Augen tränengefüllt und sagte leise, dass Rico verschwunden war. Pedro senkte den Kopf, stand auf, ging zur Bar und holte die zweite Flasche auf der Theke. Auf dem Weg zurück zu Amelie entkorke er diese mit den Zähnen und nahm einen tiefen Schluck. Dann setzte er sich, zog eine verbeulte Cubana aus der Jackeninnentasche, zündete diese an und erzählte die Geschichte von Rico und was vor 15 Jahren passiert war, von Margarita und der Story in der Scheune, von Margaritas und Ricos Tochter Francesca und von Papa Escobar und von der Suche nach Rico durch die Brüder Escobar. Amelie hörte still zu. Als Pedro sich zurück lehnte und einen tiefen Zug aus der Cubana nahm, schnappte sich Amelie die Whiskeyflasche, schenkte sich randvoll ein und trank den Whiskey auf einen Zug leer. Dann erzählte sie Pedro ihre Geschichte mit Rico. Sie hätte ihn in San Francisco kennen gelernt. Zu dieser Zeit war sie festes Mitglied beim Klassischen Ballett tanzte regelmässig im Opernhaus. Da das Geld nicht reichte, verdiente sie sich in der Flamenco-Truppe ein wenig Geld dazu. Dann plante die Truppe eine Tournee durch Colorado. Kurz vor Abreise brach sich der Tanzpartner ein Bein und Rico sprang für diesen ein. Und nun scheint es mit der Flamenco-Tournee vorbei zu sein. Sie deutete auf den Mexikaner mit der Gitarre um den Hals. Pedro schenkte die beiden Gläser voll und hielt das eine Amelie hin. Sie nahm es, lächelte und stiess mit Pedro an. Dann warfen beide einen nachdenklichen Blick in den zerstörten Saloon und blickten zum Tisch an dem die Escobars sassen.