Eine Kurzgeschichte – Der lange Weg nach Sacramento – Teil 8


Der lange Weg nach Sacramento – Teil 8:

Miguel wurde durch das Knarren einer Tür geweckt. Er wischte sich schlaftrunken über das Gesicht und versuchte langsam die Augen zu öffnen. Über sich sah er durch die Sparren Sonnenstrahlen hereinfallen. Eine Tür klappte mit dem Wind knarrend auf und zu. Er hörte ein Pferd schnauben. Er hob den Oberkörper ächzend, stützte diesen auf beide Arme und sah sich mit zusammen gekniffenen Augen um.

Die Sonne schien schräg durch das halb geöffnete rechte Scheunentür. Die linke Tür bewegte sich langsam im Wind und verursachte das Knarren. Miguel befand sich auf der Ladefläche der Kutsche – in der Scheune. Er drehte sich um und fand die beiden Pferde noch angespannt und leise schnaubend. Dann zog er die goldene Uhr an der Kette aus der Brusttasche seiner Weste und blickte darauf. Er schüttelte die Uhr, hielt sie ans Ohr und zog sie am Rädchen auf. Die Uhrzeit konnte nicht stimmen – er las halb zehn ab. Mit der anderen Hand fuhr er sich durch das Haar und entfernte einige Heuhalme aus dem Haar. Dann nahm er die Jacke, die er als Kopfkissen missbraucht hatte, suchte seinen Hut, fand diesen auf dem Kutschbock, und erhob sich, sprang vorsichtig von der Ladefläche und stapfte aus der Scheune. Es war zu hell für seine Augen. Er wankte zur Tränke links vor der Scheune, nahm den Pumpschwengel, legte die Jacke ab und hielt den Kopf unter den Hahn.

Mit einigen kräftigen Pumpbewegungen liess er sich dass kalte Wasser über den Kopf laufen. Miguel schüttelte sich und wischte sich das Wasser aus dem Gesicht. Dann ging er schnellen Schrittes Richtung Anwesen, sprang mit einem Satz auf die Veranda und schwang die schwere Eichentür auf. Miguel blieb kurz in Entree stehen, horchte und hörte ein leises Schnarchen aus der Bibliothek. Die Tür war nur angelehnt. Auf dem Ohrensessel vor dem Kamin lag mit einer Decke über den Beinen Pedro, die Cowboystiefel hatte er fein säuberlich neben dem Sessel abgestellt. Miguel schritt zum Fenster und öffnete mit viel Schwung die schweren, deckenhohen Vorhänge. Die Sonne warf ihren Schein auf den Ohrensessel und Pedro erwachte murrend und jammernd, drehte sich auf die Schattenseite und mummelte sich in die Decke. Miguel schritt auf den Sessel zu und zog Pedro die Decke weg. Als das auch nichts half, nahm Miguel den linken Arm von Pedro und zog ihn aus dem Sessel.

Amelie stieg die Treppe herab und betrat das Wohnzimmer. Sie hörte eine Mädchenstimme, die mit ihrer Mutter sprach. Als sie die Tür zum nächsten Zimmer, in der sie die Stimmen vermutete öffnen wollte, sprang diese auf und ein dunkelhaariges Mädchen mit braunen grossen Mandelaugen schaute sie an. Das Mädchen drehte sich um und fragte ihre Mutter “Mam, ist das Amelie?“. Margarita lächelte das Mädchen an und nickte. Margarita stellte einen Teller mit aufgeschnittenem Brot auf dem grossen, gedeckten Tisch ab und kam Amelie entgegen.

Sie bot ihr einen Stuhl an und nahm bat Francesca die Kaffeekanne aus der Küche zu holen. Francesca kam kurz darauf, die Kaffeekanne in beiden Händen haltend zurück und fragte Amelie höflich, ob sie eine Tasse einschenken dürfte. Amelie lächelte freundlich und Francesca schenkte ihr ein. “Milch und Zucker?“fragte Francesca – Amelie nickte. Margarita setzte sich zu Amelie und reichte ihr Butter und Konfitüre. Francesca verliess mit der Kaffeekanne den Raum. Margarita rief ihr nach, sie solle nach ihren Onkeln sehen. Francesca lief an den beiden vorbei und liess die Eingangstür ins Schloss fallen. Margarita wand sich wieder Amelie zu, die zu Frühstücken begann.

Wenig später hörte man im Hof Franco und Antonio näher kommen, die sich mit Francesca unterhielten. Antonio öffnete die Tür und liess Francesca den Vortritt. Franco betrat den Raum, gab Margarita einen Kuss auf die Wange und begrüsste Amelie. Dann nahm er zwei Scheiben Brot und setzte sich neben Margarita. Antonio setzte sich neben Amelie und fragte, ob Sie gut geschlafen hatte. “So gut, wie noch nie!“ Antwortete sie lächelnd und trank einen Schluck Kaffee. Francesca brachte die Kaffeekanne aus der Küche und schenkte den beiden Männern ein.

Beato sass mit einer Zigarillo im Mundwinkel rauchend in der Ecke. Vor sich eine leere Tasse Kaffee, eine zusammen gerollte Zeitung und ein halbleeres Glas Whiskey. Er beobachtete nachdenklich die vor dem Fenster auf der Strasse vorbei gehenden Menschen. Mit den Augen verfolgte er ein blondes Mädchen, welches einen kleinen weissen Sonnenschirm trug. Dann öffnete sich die Tür zum Foyer des Hotels und Cristiano betrat den Gastraum. Er lehnte seine Winchester an die Wand, klopfte Beato auf die Schulter und setzte sich zu ihm auf die Bank, beide nickten sich zu. Der Ober kam hinter dem Tresen hervor und beide orderten einen starken Kaffee.

Cristiano nahm die Zeitung und warf einen Blick auf die Schlagzeilen. Dann legte er diese beiseite und hob das Bündel mit Fellen auf den Tisch.  Der Ober blickte kurz auf und sah zu den beiden hinüber. Cristiano strich über das Bündel und teilte Beato mit, dass die anderen Bündel schon auf den Pferden festgezurrt wäre. Beato nahm die Zigarre aus dem Mundwinkel und drückte diese auf dem Steinaschenbecher aus. Der Ober brachte die beiden Tassen Kaffee und stellte umständlich das zierliche Milchkännchen und den Zucker auf dem Tisch ab. Er räusperte sich, Cristiano griff in die Brusttasche und zog zwei Münzen heraus, drückte diese dem Ober in die Hand und meinte “Basst scho!“

Der Ober verneigte sich zackig und wandte sich seiner Theke zu. Als die beiden Männer ihren Kaffee ausgetrunken hatten, standen sie wortlos auf, schnappten sich ihre Habseeligkeiten und verliessen das Hotel über den Haupteingang. Sie wandten sich der Scheune neben dem Hotel zu, durchschritten das Tor und banden ihre Pferde los. Cristiano band das Fellbündel zu den schon vorhandenen hinter dem Sattel fest und schwang sich auf seinen Mustang. Cristano sass schon auf und sein Brauner durchtrabte das Scheuentor.

Draussen wartete er kurz auf Beato, blickte zurück. Als dieser ebenso auf die Strasse kam, nahm er die Zügel strenger und beide ritten im leichten Galopp aus der Stadt hinaus, an flanierenden Pärchen vorbei, deren Frauen grosse lederne Umhängetaschen trugen. Als sie rechts zum Bahnhof abbogen, dachte Cristiano kurz, dass er Rico in eine Seitengasse gesehen hätte. Er gab seinem Mustang die Sporen.

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