Der Knigge Swiss-Edition (Teil 2) – Anleitung für die Schweiz

20. November 2007

Hier der zweite Teil des Versuchs einen „Knigge Swiss-Edition“ zu gestalten. Im ersten Teil kommentierte ich die ersten fünf Punkte aus einer Diskussion. Die Themen sind teils etwas ausführlicher und teils etwas kürzer. Je nachdem wie viel Erklärungsaufwand ich für angemessen halte. Manchen Punkt beschreibe ich mit Beispielen aus meinen persönlichen Erfahrungen – natürlich mit einem gewissen Augenzwinkern. Hier also die zweiten 5 Knigge-Themen für die Anleitung für die Schweiz:

  1. „In Deutschland ist das billiger“
    Erinnern Sie sich noch an die „Vor-Euro-Zeiten“? Vor einem Urlaub wechselte man D-Mark in eine Fremdwährung und erhielt eine Umrechnungstabelle dazu. Am Urlaubsort angekommen rechnete man/frau sofort alles was einem unter die Finger oder Augen kam in die „heimische Währung“ um. In Italien kostete der Sprit schon mal 2 Mark oder mehr – damals. Boah! Die Pizza dafür „nur“ 8 Mark. Schmeckte aber irgendwie nicht so wie in Deutschland. Aber das Umrechnen im Urlaub in Euro-fremden Ländern und der Preisvergleich ist üblich und legitim. Schliesslich möchte man/frau ja einen Vergleich haben.
    Erst am letzten Wochenende traf ich eine hübsche Studentin im „Uusgang“ an der Theke. Wir plauderten bei einem Bier und lernten uns kennen. Sie sei Studentin aus Köln und für eine Woche in Zürich. Boah! Ist das teuer hier! Am Tag zuvor sei Sie im „Club Hive“ gewesen. Dort hätte schon der Eintritt 25 Franken gekostet! Tja, so ist das halt. Oder auf Schweizerdeutsch „Es is so!“. Dafür bekommt man üblicherweise auch mehr Club fürs Geld. Wir trafen uns übrigens im „Provitreff“ und dort kostete der Eintritt zur Party „Herbstzeitlosen“ gerade 10 Franken. Hier bekommt man mehr Szene fürs Geld. Es geht halt auch anders in Zürich.
    In der Anfangsphase in Zürich vergleicht man zwangsläufig preislich alles. Und trifft tatsächlich auf vieles, was teuerer ist. Zum Beispiel das Essen im Restaurant im „Dörfli“ ist deutlich teuerer. Oder das Haareschneiden beim Frisör (Coiffeur) beläuft sich auf etwa 50 Franken. Lebensmittel im Migros oder Coop sind im Schnitt trotz „Aldisierung“ noch um die 30-50% teuerer als in Deutschland. Nicht zuletzt deshalb fahren viele Zürcher einmal im Monat über die Grenze und erledigen dort ihre grossen Einkäufe.
    Es geht aber um den Vergleich und das diskutieren darüber. In Deutschland ist nämlich tatsächlich nicht alles billiger als in der Schweiz. Benzin ist deutlich billiger (im Schnitt um die 30 Cent). Auch beim Gebrauchtwagenkauf musste ich im März feststellen, dass Autos in der Schweiz günstiger sind, als in Deutschland (inklusive Mehrwertsteuerrückerstattung) und darüber hinaus eine bessere Ausstattung besitzen.
    Irgendwann nach etwa drei bis sechs Monaten war mir ein eventuell bestehender Preisunterschied fast egal. Wahrscheinlich überwog der Genussfaktor dem Sparfaktor. Wenn ich zum Einkaufen ging, dann nahm ich einfach das mit, was ich brauchte. Egal. Wenn ich im Ausgang war, dann bestellte ich mir das zu essen und zu trinken, auf was ich gerade Lust hatte. Egal. Es muss sich ja schliesslich lohnen. Hier spart man und hier zahlt man mehr. Was soll’s.
    Und: Irgendwann fielen mir die Preisvergleich-Diskussionen negativ auf, wenn ich Besuch aus Deutschland hatte. Und ich wurde nicht müde dies zu erklären. Genau so muss es dem Schweizer gehen, wenn er diese Diskussion um das liebe Geld und dem Preisunterschied beiwohnt. Es fällt negativ auf – unterbewusst.
    Tipp: Vermeiden Sie Preisdiskussionen in Anwesenheit von Schweizern zum Thema „Die Schweiz ist ja sooo teuer“. Es trifft nämlich nicht überall zu. Ausserdem bekommen Sie meist mehr für Ihr Geld. Die Qualität der Ware ist spitzenklasse. Der Service einwandfrei. Gönnen Sie sich auch mal was Spezielles. Sie arbeiten und wohnen in einem der landschaftlich schönsten Ländern der Welt. Und nicht zuletzt ist Zürich zum 6. Mal in Folge zur „Stadt mit der höchsten Lebensqualität“ gewählt worden. Natürlich dürfen Sie weiterhin zu Hause einkaufen, wenn Sie unter den „gesetzlichen Limiten“ zur Einfuhr bleiben.
  2. „Zu schnell wirkt hektisch und unfreundlich“
    Kurz zur „Sprache“: Sollte es ihn bei einem Gespräch auffallen, dass sich nach ihrem Satz bis zur Antwort eine längere (ungewöhnliche) Pause entsteht, so haben Sie viel zu schnell gesprochen. Oder noch schlimmer: Sie haben in Ihrem „dütschen Dialekt“ viel zu schnell gesprochen. Das ist dann für den Schweizer so, wie wenn Ihnen jemand in einer Sprache antwortet, welche Sie nur bruchstückhaft beherrschen. Sie versuchen dann aus dem was Sie bruchstückhaft übersetzt haben und heraushören den Sinn zusammen zu reimen. Dazu kommt dann noch der Faktor Zeit. Hektik wirkt unfreundlich.
    Tipp: Sprechen Sie angemessen langsam und hochdeutsch, falls Sie noch nicht über die sprachliche Fähigkeit verfügen perfekt den Schweizer Dialekt zu beherrschen. Und das dauert lang. Ausserdem: Beherrschen Sie sich bei der Lautstärke. Hochdeutsch klingt eh schon hart genug. Man sollte dies nicht noch durch erhöhte Lautstärke verstärken.
  3. „Die Begrüssung und der Gruss zum Mittag“
    „Guten Tag“ und „Tschüss“ gewöhnen Sie sich gleich mal ab. Genauso wie sonstige dialektische Aussprüche wie „Tach“ oder „MoinMoin“. Bayerisches (Habe die Ehre) oder Österreichisches (Servus) wird geduldet, da offensichtlich bei den Bergvölkern ein gewisser Zusammenhalt zu spüren ist. „Servus“ und „Habe die Ehre“ sollten aber nur unter Freunden und guten Bekannten angewendet werden. Im Berufsleben eher weniger anwenden.
    Zum Mittag: In Deutschen Betrieben hat sich das „Mahlzeit“ als der Ausspruch zur Mittagszeit eingebürgert. „Mahlzeit“ heisst in der Schweiz „En Guate“.
    Tipp: Versuchen Sie sich das „Grüäzi“ dialektmässig von den Kollegen „abzuhören“. Meist hört man nur ein kurzes „Zii“. Das hat aber nichts mit dem Niesen zu tun. Also anschliessend „Gesundheit“ zu sagen wäre doppelt falsch. Das heisst nämlich „Santé“.
    In Zürich heisst die Begrüssung kurz und knapp „Guate Morge!“. Sonst grüsst man sich mit „Grüäzi“ (kurz „Zi“). Ist die Sonne untergegangen nennt es sich „Guate Abig!“
    Verabschiedet wird übrigens mit „Wiedaluage!“
  4. „Das Auto ist ein Statussymbol“
    „Deutschland – Land der Autofahrer?“. Vergessen Sie das ganz schnell. Das muss eine Medienente sein. Obwohl in der Schweiz das Durchschnittsalter eines Fahrzeugs 8 Jahre beträgt, fahren auf Schweizer Strassen selten Fahrzeuge, welche älter als 3 Jahre sind. Das widerspricht sich? Nein, nicht wirklich. Auf der einen Seite sind die meisten Autos „geleast“ und die Verträge laufen nach 3 Jahren aus. Auf der anderen Seite ist die Oldtimerquote nirgends so hoch, wie in der Schweiz.
    Bei den Fahrzeugen sind deutsche Fabrikate hoch angesehen und verstärken den Statuseffekt. Speziell BMW ist in meinem Umfeld aktuell der Renner. Da in Regensburg ein BMW-Werk steht und die BMW-Dichte in Regensburg extrem hoch ist, wollte ich weder in Regensburg noch in Zürich diese Marke fahren. Ich mach eigentlich nie das, was „alle“ machen. Meine Fahrzeug-Wahl ist regelmässigen Bloglesern ja bekannt.
    Was sofort auffällt, wenn man über die Grenze fährt, ist die Hochglanzpolitur auf den Autos. Irgendwie scheint man hier ein Mittel gefunden zu haben, was Staub und Dreck sofort abstösst. Nein, natürlich nicht. Hier scheint das Klischee der Schweizer Sauberkeit voll zuzutreffen. Es wird geputzt und gewienert und gesaugt was das Zeug hält – speziell am Samstag vormittag.
    Der Trend geht übrigens zum Zweitauto. In der Schweiz ist es einfach; denn es gibt die praktischen „Wechselschilder“. Das heisst: Mit einen Paar Nummernschilder dürfen abwechselnd zwei Fahrzeuge gefahren werden. Das Schönwetterwochenendauto steht in der Garage, wenn mit dem dezenten Viel-PS-Alltagsauto unter der Woche gefahren wird. Am Wochenende einfach die Schilder von dem einen auf das andere Auto wechseln und eine kleine Ausfahrt machen.
    Von wegen „In der Schweiz darf man nur 120 fahren. Warum braucht’s da viele PS?“. Die Standardfrage der Besuchsgäste. Tja, es ist halt alles anders in der Schweiz. Man braucht schon über 200 PS, um angenehm über die Bergstrassen zu tuckern. Aber die PS müssen sauber dezent verpackt sein. Meist erkennt man die überdimensionale Motorstärke nur an den Auspuffrohren und den breiten „Finke“ (= Pneus, Reifen).
    Kommt dann die Sonne am Wochenende heraus, dann erkennt man in Zürich sofort, dass die Cabrio-Dichte extrem hoch ist. Nur die edelsten und neuesten, sowie die kultigsten dachlosen Edelmetall-Karossen dürfen dann Frischluft schnuppern und den Vergaser wieder richtig durchlüften.
    Tipp: Besorgen Sie sich schnellstmöglich einen neueren fahrbaren Untersatz. Es muss ja nicht gleich ein Neuwagen sein. Autohändler gibt es an jeder Ecke. Mit einem alten eventuell verbeulten oder ungepflegten Auto sinkt Ihr Status ohne Ende. Es sei denn Sie erhalten einen Firmenwagen. Die Schweizer Lieblingsfarben bei den Autos sind „schwarz“ und „silber“. Lederausstattung muss sein. Auch wird selten ein Fahrzeug mit Schaltgetriebe gefahren. Automatik ist hier die beste Wahl. Es sei denn Sie fahren einen Sportwagen. Navigationssystem wird dringend empfohlen. Ich habe mich noch nie so oft verfahren, wie hier in der Schweiz. Der Tempomat sollte zur Serienausstattung gehören. Und: Unter 200 PS brauchen Sie gar nicht erst anzufangen.
  5. „Die Uhr ist Aushängeschild der Persönlichkeit“
    Anfänglich trug ich gar keine Uhr. Im täglichen Berufsleben ist man eigentlich von Uhren umgeben. Der Radiowecker am Morgen, der Computer besitzt unten rechts eine Uhr, am Telefon auf dem Schreibtisch zeigt das Display die Uhrzeit, im Auto neben dem Drehzahlmesser befindet sich eine Digitaluhr. Man ist von Uhren umgeben. Dann sprach mich ein Kunde darauf an und meinte, es die Schweiz sei doch ein Uhrenland. Es wäre angemessen eine Uhr zu tragen – am besten eine Schweizer Uhr. Gut, ich besorgte mir eine Swatch-Watch – einen Chronometer. Sie werden es nicht glauben, wie oft ein Tischnachbar (fast) unbemerkt auf meine Uhr schaut, um den Hersteller zu erkennen. Speziell die Schweizer Frauen legen offensichtlich grossen Wert darauf und fragen schon mal gerne nach der Uhrzeit, nur um das Fabrikat der Marke zu erkennen. Es wird auch mal gerne nach dem Handgelenk gegriffen, nur um zu sehen, was man da für eine tolle Uhr am Arm trägt.
    Tipp: Am besten kaufen Sie sich vom ersten Gehalt (oder von der Summe der ersten drei Gehälter) eine Uhr der folgenden Marken ohne Wertung: IWC (z.B. „Fliegeruhr Spitfire„), Omega (z.B. „Speedmaster„), RADO (z.B. „Ceramica„), TAG Heuer (z.B. „Carrera„), Swatch (z.B. „Retrogate„). Rolex ist zwar auch eine Schweizer Uhrenmarke, jedoch habe ich noch keine am Handgelenk eines Schweizers in meinem Umfeld gesehen. Kreuzen Sie auf keinen Fall irgendwo mit einer „Plastik-Uhr“ auf – es sei denn es steht Swatch darauf.