20.06.2008 – EM08: 2. Viertelfinale oder „Der Ball ist rund….“


Das schrieb ich während des Spiels „Türkei – Kroatien“ in einem Forum.

Der Ball ist rund….

… und ein Spiel dauert so lange, bis der Schiri abpfeifft. Wie war das? 93. Minute – Tor – Schweiz ausgeschieden.

Wer schon mal Fussball im Verein gespielt hat, der kennt „flach spielen und hoch gewinnen“. Es ist nicht wichtig, schön zu sein auf dem Spielfeld und es ist nicht wichtig, wer besser spielt oder mehr im Ballbesitz ist. Tore zählen. Darum geht es in diesem Sport.

„Jogi Löw“ ist Trainer und er hat die Aufgabe seine Crew erfolgreich über die Europameisterschaft zu bringen. Jetzt überlegen wir mal gemeinsam, wie wir das taktisch an seiner Stelle angehen würden:

Dabei steht jeden 3. Tag ein Spiel an. Das erfodert extreme Kondition und Belastbarkeit. Wir haben nur eine begrenzte Zahl an Spielern dabei. Jede Position muss mindestens gleichwertig mit einer zweiten Spielerpersönlichkeit ausgestattet werden.

Somit braucht es a) eine perfekte Auswahl der Spieler aus den beiden Bundesligen b) die Auswahl muss fit sein (Gesundheit und Kondition) c) den richtigen Riecher d) den Mut Spielerpersönlichkeiten an einem „schlechten Tag“ auszuwechseln und gleichwertig zu ersetzen e) Motivationsfähigkeit.

Ergo: Durch die häufigen Spiele gegen Top-Manschaften (naja in der Vorrunde eher bisher weniger), planen wir „personalsparend“ (möglichst ohne Verletzungen, gelbe/rote Karten etc.) und erfolgsorientiert auf Platz 1 oder Platz 2 zu kommen.

Das erste Spiel muss gewonnen werden; denn dann kann man das zweite verlieren und im Dritten reicht ein Unentschieden, wenn man im ersten Spiel genug Treffer erzielt hat. (Letzteres Regel der UEFA und nicht etwa der FIFA, wie oben erwähnt).

Wie lief das bisher? Erstes Spiel gewonnen (erledigt), zweites Spiel verloren (macht nix), drittes Spiel gewonnen (Cordoba ist 30 Jahre her, ich war dabei am Fernseher, die Österreicher hätten sich niemals qualifiziert, wenn nicht selbst Gastgeber). Somit Ziel erreicht.

Jetzt zum den Viertelfinalspiel gegen Portugal:
– Taktik (wie schon bei der WM vor zwei Jahren): Forechecking, aggressives Spiel, Ball laufen lassen, über die Flügel spielen, und ganz wichtig: Frühes Tor erzielen!
Siebte Minute: Schweinsteiger (Bayern) wieder mit dabei und ohne Kompromisse erzielt er das 1:0.
– Portugal ist verunsichert und wir setzen nach! Portugal muss nun noch mehr attakieren. Unsere Taktik: Wenn Portugal früh angreift, dann ist das Mittelfeld offen und wir können bei Ballverlust kontern!
Ergebnis: Klose erzielt nach Konter das 2:0 in der 27. Minuten.

Jetzt – nach 30 Minuten können wir herunterschalten. Denn jetzt muss Portugal „laufen“. Wir müssen nur noch ab Mittellinie die Räume dicht machen und (ganz wichtig) Ronaldo ausschalten; denn das ist der einzige Spieler der Portugiesen, der wirklich gefährlich sein kann, wenn man ihn länger ungestört am Ball rumspielen lässt. Aber wir haben ja Philip Lahm einen der wirklich guten Abwehrspieler. Er hat die Aufgabe Ronaldo „auszuschalten“. Ronaldo ist so gezwungen sich den Ball in der eigenen Hälfte zu holen, je länger der Weg, umso schwieriger wird der Weg durch die gestaffelte Abwehrreihen.

41. Minute Portugal (Nuno Gomez) erzielt das Anschlusstor. Einmal entwischte Ronaldo doch links aussen. Eigentlich schlecht so kurz vor dem Pausentee ein Tor einzufangen.

Aber a) Wir haben noch niemanden eingewechselt. Braucht es auch nicht, da wir noch ein Tor vorne sind. b) Wir warten ab, wie der Portugiesische Trainer reagiert und eventuell mit einem Stürmer mehr auf den Platz geht nach der Pause. c) Wir führen noch mit einem Tor Vorsprung. Ergo: Portugal’s Scolari wird sicher seine Mannen nach Vorne jagen d) Wir haben schnelle Stürmer (Klose links aussen, Podolski in der Mitte, Schweinsteiger rechts aussen). e) Wir warten ab und „lassen sie kommen“. Und schonen unsere Kräfte! Falls nötig schalten wir einen Gang rauf.

60. Minute Pepe fault Klose und sieht nicht nur Gelb, sonder Schweinsteiger flankt über die Abwehr auf den frei stehenden Ballack. Er köpft zum 3:1 ein. Wer sich nun (wie viele Medienvertreter) darüber aufregt, dass Ballack „den Weg frei macht“, der hat sich noch nie wirklich ein Kopfballduell und deren „Vorspiele“ im Strafraum angesehen. Fussball ist ein „Kampfspiel“ und hier fasst man sich nicht mit Samthandschuhen an.

ABER: Weder der Linienrichter noch der gut postierte Schiedsrichter (es war ein Freistoss, da steht er erst recht in der Nähe) haben den Rempler als Foul gesehen. Ergebnis: Tor! Ein Foul ist dann ein Foul, wenn der Schiri pfeifft. Es geht auch anders herum! War da nicht ein Elfmeter, der eigentlich gar keiner war im letzten Spiel der Vorrunde? Egal: Keine Diskussionen darum. Der Schiri hat immer recht, wer es nicht glaubt, der bekommt die gelbe Karte (oder mehr).

Nun haben wir wieder 2 Tore Vorsprung. Noch 30 Minuten (plus Nachspielzeit!) sind zu spielen. Ein Angriff dauert im Schnitt 3-5 Minuten. Also kommen bei hoher Ballverlustrate 10 Angriffe und bei niedriger 6 Angriffe auf unseren Strafraum zu. Wenn wir den Ball in unseren Linien halten, stehen die Chancen höher kein weiteres Tor mehr zu fangen. Ausserdem müssen dann die nun unter Druck stehenden Portugiesen mehr laufen, um eventuell den Ball zu erkämpfen. (Kondition).

Wir entscheiden uns einen Stürmer (Klose) und später den zweiten (Schweinsteiger) herauszunehmen. Wir schonen ihn für das nächste Spiel. Scolari muss einen Stürmer bringen. Somit brauchen wir eh echte Abwehrspezialisten.

Wir halten durch bis zur 87. Minute. Dann erzielt Postiga ein „glückliches“ Tor. Die Abwehr hat kurz gepatzt. Keine Aufregung. Es sind nur noch maximal 6 oder 7 Minuten. Höchstens noch 2 Angriffe bis zum Spielende.

Portugal versucht es seit Mitte der 2. Halbzeit mit Weitschüssen und gibt das von ihr beherrschte Kurzpass-Spiel auf. Eine ganz schlechte Taktik gegen die hochgewachsenen Abwehrspieler (bis auf Lahm, aber der ist wendig und flink) und es begann zu regnen. Das ist für Portugal im Juni eher ungewöhnlich, somit ungewohnt und ungeliebt.

Die Deutsche Mannschaft hat in diesem Spiel ihre beste Leistung erbracht? (Wie in den Medien danach oft zu lesen). Ich sage, dass es bisher das zum Weiterkommen Erforderliche taktisch und spielerisch klug umgesetzt hat.

Ich sehe mir gerade das zweite Viertelfinalspiel „Türkei gegen Kroatien“ an. Nach 88 Minuten steht es immer noch 0:0. Von beiden Mannschaften spielen fast durchgängig „durch die Mitte“. Über die Flügel kommen nur ganz selten Angriffe. Diese nutzt man, um den Raum zu öffen. Es wird auch nicht geordnet „verschoben“ (Taktisches Mittel, um in der Defensive den Raum eng zu machen und in der Offensive eine freie Anspielstation zu haben).

Beobachtet die „Gruppenbildung“ um den ballführenden Spieler (schlecht, weil es keinen Raum zum Anspielen und Freilaufen gibt). Der Ballführende schaut oft nicht einmal vom Ball auf, um einen seiner Mitspieler zu sehen. Es gibt selten Flankenwechsel, um den Raum zu öffnen und das Spiel zu verlagern. Konter sind Einzelleistungen in diesem Spiel, die sich festlaufen, da nicht auf die Mitspieler gewartet wird bzw. keine mitlaufen („verschieben“). Positionen werden nicht gehalten. Somit fehlen schon hier die Anspielstationen an den sonst erwarteten Positionen.

Also für uns (wir sind ja gemeinsam die Trainer), dürfte die nächste Aufgabe gegen die ein oder andere Mannschaft durchaus lösbar sein. Ich schlage uns die Taktik des letzten Spiels gegen Portugal vor. Nur bisher fehlt mir eine Leitpersönlichkeit wie Ronaldo in der Türkischen und in der Kroatischen Mannschaft. Aber das kann sich ja noch ändern.

Zur Situation der Schweizer Nati: Hitzfeld ist zu wünschen, dass er die Kondition und die Spielkultur der Nationalmannschaft auf Vordermann bringt. Ich würde mich nicht wundern, wenn er die aktuelle Mannschaft nahezu vollständig verjüngt und mit neuen Spielertalenten „heranzieht“. Bis diese neue Mannschaft dann „gereift“ ist, dauert es locker 2 Jahre. Hoffentlich lassen die Medien dies zu; denn es wird anfänglich sicherlich noch zu einem Erfahrungsprozess bei den Spielern kommen. Die Qualifikation zur nächsten WM beginnt bald. Warten wir also ab, auf das was da kommen möge.

Gruss und nix für ungut.
Peter

Ergänzung: So ein Gurkenspiel….
… 118. Minute: Was macht der Torwart der Türken da draussen? Der Ball ist an der Grundlinie! Es sind genug „Bewacher“ vor im Strafraum. Der Kroate muss blind flanken aus der Drehung heraus. Er MUSS auf der Grundlinie beim Pfosten bleiben und auf die Flanke warten. Aber niemals rauslaufen, feststellen, dass er nicht an den Ball kommt, blind zurücklaufen und ein Tor kassiere. Totaler Aussetzer und krasser Torwartfehler.

119. Minute. Nun könnten die Kroaten gelassen die letzte Minute abwarten und „dicht machen“. Aber: Gleich zwei Türken stehen auf der „Abseitslinie“. Eine weite Flanke über 35 Meter folgt. Das Kopfball-Duell wird verloren. Aus der Drehung erzielt der Türke das glückliche Tor – den Ausgleich in der 120. Minute! Als ob man nicht gewusst hätte, dass die Türken schon zwei Mal auf den letzten Zinken den Ausgleich geschafft hätten.

Und nun läuft das Elfmeterschiessen. Die Kroaten waren bereits 1 Minute im Halbfinale. Mit mehr als einem Fuss in der Tür. Nun läuft aber etwas psychologisches ab: Die Kroatischen Schützen tragen doppelte Last. Sie denken nach. Es sind Menschen. „Wir hätten nur eine Minute durchhalten müssen. Wenn ich jetzt verschiesse…..“. Bei den Türken läuft genau gegenteiliges ab: „Wir waren schon draussen! Und jetzt zeigen wir es Euch“.

Türkei kommt weiter. Jede Wette!

Gruss
Peter

Die Türken stehen im Halbfinal!
… und so kommt es: Gleich 3 Kroatische Spieler versagen beim Elfmeterschiessen.

Wie im Erstlingspost einleitend erwähnt: „Der Ball ist rund… ……. und ein Spiel dauert so lange, bis der Schiri abpfeifft.“

Gratulation an die Türkische Nationalmannschaft. Die von den Medien favourisierten Kroaten sind draussen. Wegen EINER Minute!

Gruss
Peter

Edit: Nein, falsch. Nicht „wegen EINER Minute“. Die Kroaten hatten 90 plus 30 Minuten Zeit „alles klar zu machen“.

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